Moshe Feldenkrais war Physiker und Ingenieur. Als er sich, vorerst im Judo-Training, mit Bewegung zu beschäftigen begann, machte er sich als Wissenschaftler an die Sache heran, d.h. er studierte die Bewegung nach den Gesetzen der Physik, der Physiologie und der Psychologie. Seine Judo-Praxis gab ihm denn auch den Leitfaden für seine "Awareness through Movement" und "FunctionaI Integration" Arbeit, die nach der größtmöglichen Effizienz der Bewegung in einem System strebt. Die folgenden Überlegungen sind einem Essay von Dr.Carl Ginsburg von der Feldenkrais Studiengesellschaft Wien entnommen.
In seinem Buch "Higher Judo" schrieb Feldenkrais: "In einem erwachsenen Körper, der ohne große emontionelle Erschütterungen gewachsen ist, passen sich die Bewegungen nach und nach den mechanischen Erfordernissen der Umwelt an. Das Nervensystem hat sich unter Einfluß dieser Gesetze entwickelt und ist ihnen gemäß adaptiert. In unserer Gesellschaft verzerren wir jedoch die gleichmäßige Entwicklung des Systems - aufgrund von Versprechungen auf große Belohnungen oder strenge Strafen - sodass viele Aktionen ausgeschlossen oder eingeschränkt werden ... Der Mehrzahl der Menschen muß daher nicht nur ein spezielles Bewegungsrepertoire beigebracht werden, sondern auch, wie man Bewegungsmuster und Einstellungen reformieren kann, die nie ausgelassen oder vernachlässigt hätten werden dürfen." In der Feldenkrais-Methode geht es also prinzipiell um eine Reform erlernter Verhaltensweisen, die eine Kenntnis unserer grundlegenden Funktionen und ihrer Organisation voraussetzt. Dabei ging Feldenkrais von seinem physikalisch-mechanischen Wissen aus. Im Folgenden wollen wir zwei Aspekte herausgreifen und die Verbindung der Feldenkrais ® Arbeit mit den Erkenntnissen der Kybernetik und dem neuen biologischen Theorien von Humberto Maturana und Francisco Varela zu erläutern versuchen.
Feldenkrais und Kybernetik Die Tatsache, dass Kinder mit ihrer angeborenen Physik Stabilität und Aktion schnell und problemlos erlernen und am Anfang ihres Lernprozesses mühelos den Normalzustand (damit meint er den Zustand, bei dem die Kraft in einem Winkel von 90 Grad zur Angriffsfläche, auf die sie wirkt, steht) erreichen, spricht gegen die weit verbreitete Annahme, dass unser Nervensystem auf ein kompliziertes, berechnendes System, wie es beispielsweise ein Computer ist, zurückgreift. Es ist schwer vorstellbar, wie diese Berechnung bei der Vielseitigkeit und Flexibilität menschlicher Handlungen funktionieren sollte. Für die Funktionsweise des Systems war für Feldenkrais daher vor allem die Kybernetik von Interesse, die eine andere Sichtweise eröffnete. Sie besagt, dass man den aktuellen Zustand an den gewünschten Zustand angleicht, indem man den Unterschied oder den Fehler zwischen den beiden Zuständen entdeckt. Bei der Korrektur muß also nur das Fehlersignal (Feedback) erkannt werden und dafür braucht man keine Berechnungen. Feldenkrais' Beispiel hierfür soll das erläutern: "Wenn jemand zu meiner Rechten, also wirklich rechts von mir, spricht, erreicht der Ton erst mein rechtes Ohr und wird, um die Zeit, die der Ton für die Strecke um meinen Kopf braucht verspätet, mein anderes Ohr erreichen. Und ich weiß nicht, von welcher Seite der Ton kommt, bevor ich ihn nicht mit beiden Ohren höre. Wenn also jemand neben mir ein Geräusch macht, werde ich den Kopf so drehen, dass beide Ohren den Ton gleichzeitig empfangen. Das ist bezeichnend für viele Arbeiten des Nervensystems. So sorgt es dafür, dass beide Ohren die gleiche Intensität empfangen und sobald ich das gemacht habe, sind meine Augen auf die Tonquelle gerichtet." Dieser einfache kybernetische Ansatz ist das Modell eines Kontrollsystems. Es sagt jedoch noch nichts direkt darüber aus, wie sich ein System organisiert. Feldenkrais aber wusste, dass seine Arbeit auf der Fähigkeit eines Systems beruhte, das sowohl selbst-organisierend als auch selbst-kontrollierend ist. Er suchte also eine Methode, die am besten diese Prozesse hervorbringt. Dabei interessierte ihn weniger, wie ein System diese Prozesse kreiert, sondern lediglich, dass sie aktive Fähigkeiten des lebendigen Organismus sind und dass die notwendige Information nicht in der äußeren Welt, sondern im System selbst geschaffen wurde. Für dieses Ziel fand er, dass die kybernetische Strategie funktionierte. Umgekehrt bestätigte er mit seiner Arbeit gewisse Elemente des kybernetischen Ansatzes. Feldenkrais stellte fest, dass der Verlust oder das Fehlen von Geschmeidigkeit und Koordination in der Bewegung mit einer Art von Verlust des sinnlichen Feedbacks der Person verbunden ist. Das kann aus einer Überanspannung der Muskulatur resultieren, bei der das Feedback durch das Geräusch der Überanspannung vermindert wird, oder durch einen Mangel an Sinneswahrnehmung und Bewusstsein bestimmter Teile, die für die Bewegung notwendig sind. Feldenkrais suchte also nach einem Weg, um eine gesteigerte Sensibilität wiederzuerlangen oder hervorzurufen. Eine weitere Bestätigung für das kybernetische System fand er mit seiner Strategie der Funktional Integration , indem er die Person, mit der er arbeitete, dazu anleitete, die überangespannte Muskelpartie noch mehr anzuspannen. Der beobachtete Effekt dieser Strategie war, dass die angespannten Muskeln ihren Tonus verringerten. Mit einem direkt verbundenen Kontrollsystem würde das System nicht so reagieren, ein System mit einer Feedback-Schleife hingegen sehr wohl.
Das Nervensystem und der biologische Ansatz Maturanas und Varelas
Feldenkrais sah die Funktion des Nervensystems darin, Ordnung in das Chaos zu bringen. Er ging davon aus, dass die Verbesserung in der Selbst-Organisation auch das Funktionieren des Nervensystemes in allen seinen Aktionsbereichen verbessert. Doch wie schafft es das Nervensystem oder das lebendige System überhaupt, aus dem Chaos Ordnung zu schaffen? Schauen wir uns ein bereits organisiertes System von Nervenzellen an, wie es beim Kind vorhanden ist. Dieses Netzwerk hat bereits eine Struktur aufgrund einer Evolution, obwohl beim Menschen sehr wenig darin fixiert ist. Die Pfade der organisierten Prozesse müssen gebildet werden. Feldenkrais stellte fest, dass die ersten Aktionen des Kindes globaler Natur sind. Lernen bedeutet daher, eine Verschiebung einer globalen, undifferenzierten Bewegung zu einer selbstbestimmten Aktion, die differenziert und organisiert ist, um eine Intention und Funktion zu erfüllen. Dies kann nur durch Bewegung und Erfahrung geschehen. "Wir kommen also zu dem außergewöhnlichen Schluß, dass unser Gehirn und Körper eine Sache sind und dass sie zusammen wachsen, und zwar nur durch die Perfektion der Bewegungen. Der Körper ist notwendig, um das Gehirn zu trainieren, da sonst keine Differenzierung stattfinden kann ... das Gehirn hat keinen Kontakt zur Umwelt." (Feldenkrais 1974). Andere Beobachtungen dafür sind, dass Taube auch stumm sind oder dass eine Person, die schreiben gelernt hat und wenn sie die Hand, mit der sie schreibt verliert, mit der anderen Hand schreiben kann. Wir haben also ein außergewöhnliches System, das stabil und flexibel zugleich ist, um sich neuen Gegebenheiten
anzupassen. Durch Differenzierung werden also Pfade im Nervensystem organisiert, wobei der begleitende Prozess die Wahrnehmung ist. Die fundamentalen Erkenntnisse der Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela geben heute für das Gedankengerüst Moshé Feldenkrais' einen wissenschaftlichen Background, aus dem heraus auch die Grundlagen von Feldenkrais' Überlegungen über die Funktionsweise des menschlichen Körpers als ein System sowie dessen mechanischen Erfordernisse verstanden werden können. Wie Varela 1986 formulierte, unterscheidet sich die gegenwärtige Biologie von der neuen Biologie folgendermaßen: "Gegenwärtige Biologie: Heteronome Einheiten operieren aufgrund einer korrespondierenden Logik. Neue Biologie: Autonome Einheiten operieren aufgrund einer kohärenten Logik." Was bedeutet, dass wir in unserem traditionellen Denken nach Korrespondenzen suchen. Wenn wir Verhalten beobachten, suchen wir nach dem inneren Grund im Organismus, der dieses Verhalten bewirkt. Wir gehen also von dem Ursache-Wirkung-Prinzip aus. Das wird zum Beispiel in der heutigen medizinischen Praxis als selbstverständlich hingenommen. Doch auch in Beziehung zur Umwelt herrscht die Meinung vor, dass ein intelligentes System eine innere Wahrnehmung von der äußeren Welt hat. Das führte zum Beispiel zum Behaviouristischen Ansatz, der davon ausgeht, dass wir überhaupt nur die Umgebung zu beachten brauchen und interne Prozesse sich mit deren Veränderung automatisch adaptieren. Der kognitive Ansatz lenkte dann die Aufmerksamkeit auf die inneren Vorgängen, die unser Verhalten determinieren. Jedoch konnte bisher keine dieser Theorien das Problem der Organisation befriedigend beantworten, vor allem, da man von der Tatsache ausgeht, dass die Welt so wahrgenommen wird, wie sie ist. Anders hingegen Maturana und Varela, die eine alternative Sicht anbieten: Sie besagt, dass eine autonome Einheit ihr sie umgebendes Medium im Einklang mit ihren internen Strukturen behandeln wird. Diese Koordination des Systems, die wir der Intelligenz zuschreiben, geschieht nach Varela mit einem "subtilen, aber mächtigen Dreh." Die Betonung liegt auf der Kohärenz des Systems. Diese Kohärenz kommt daher, dass lebende Systeme von Anfang an eine Art der Organisation haben und dass die Tatsache der Überlebensfähigkeit des Systems bedeutet, dass diese Organisation bestehen bleibt, so lange das System lebt. Mit Organisation bezeichnen Maturana und Varela die Prozesse des Auf-und Abbaus, die einem lebendigen Organismus seine Form, seine Einheit und sein Leben geben. Das Ergebnis dieses Denkens, auf das wir an dieser Stelle nicht näher eingehen können, führt zu einer radikalen Theorie über das Nervensystem, die besagt, dass so wie bei der grundlegenden Organisation der Zelle auch das Nervensystem in sich geschlossen organisiert ist. Es wird keine Information aus der Umwelt transferiert, weder Input-Output, noch eine Repräsentation der äußeren Welt findet innerhalb des Nervensystems statt. Wenn es von der Umwelt gestört wird, passt es seine Strukturen an, um seine Organisation beizubehalten. Die Geschichte innerhalb dieser Adaptionsstrukturen ist das Gedächtnis. Lernen findet statt, da das Nervensystem sich so entwickelt hat, dass es äußerst flexibel und seine Strukturen so plastisch sind, dass es seine internen Beziehungen erhalten kann. Stabilität ist die Invarianz, die innerhalb dieser internen Beziehungen geschaffen wird. Der Punkt ist, dass der Organismus mit dieser Art der Operation in der Welt überleben kann.
Feldenkrais und das neue Denken Dieses Denken hat eine direkte Auswirkung auf die Feldenkrais ® Arbeit. In einer Funktional lntegration Stunde wird keine Information ausgetauscht. Vielmehr findet eine Koppelung zwischen dem Instruktor und dem Studenten statt, in dem die adaptiven Prozesse hervorgelockt werden. Es sind die internen Prozesse der Person, die den Unterschied machen. Bei der Feldenkrais ® Arbeit wird Unterstützung gegeben. Der Instruktor macht Kontakt, sodass eine Koppelung stattfinden kann, von System zu System, versucht die Prozesse aufzurufen, die die zu betreuende Person bereits für die Differenzierung, die Integration und im Rahmen dieser Möglichkeit für die Bewusstseinserweiterung zur Verfügung hat. Die neue Art zu denken führt uns weg vom Korrigieren, von der Suche nach Ursache, von den "Hardware"-Lösungen. Mit anderen Worten: Wir sind abhängig von der grundlegenden Kohärenz des lebendigen Organismus. Wir können einer Person oder Situation gegenüber präzise sein, nicht durch Analyse, sondern wiederum durch Kohärenz, durch Kopplung, Kommunikation, Kontakt von Person zu Person, was Feldenkrais "miteinander tanzen" nannte. Das ist manchmal schwierig, da wir in einer Kultur leben, in der Korrespondenz allein als legitime Logik anerkannt wird und wir selbst sind durch unser Training darauf gedrillt. Und doch kann dieser andere Weg eine revolutionäre Kraft sein, wenn wir andere durch Erfahrung davon überzeugen können.
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